AUDIODESKRIPTION  STAATSTHEATER AUGSBURG

„Der Dirigent gibt der 1. Geige die Hand und verbeugt sich“, mit ruhiger Stimme beschrieb Karola Schweinbeck, was auf der Bühne zu sehen war. Es ging los. Die blinden und sehbehinderten Zuschauer am Staatstheater Augsburg auf der Freilichtbühne beim Musical „Jesus Christ Superstar“ erlebten: Audiodeskription. Wahrend der Aufführung saß Karola Schweinbeck ganz nah an der Bühne, fast verwechselbar mit der Souffleuse. Ihr Text wurde live auf kleine Empfänger übertragen, ein tragbares Gerät, das die blinden und sehbehinderten Besucher am Eingang erhalten haben, zusammen mit einem Kopfhörer.

 

„Der gesamte Bühnenraum wird bevölkert, alle laufen durcheinander. Jesus kommt durch das Tor, alle drehen sich zu ihm“, schilderte die Sprecherin Schweinbeck ihren Zuhörern wie das Musical mit den weiblichen und männlichen Sängern, Schauspielern, dem Chor und den Tänzern beginnt.


Mit der Audiodeskription von Claudia Böhme und Karola Schweinbeck, die als Duo 2016 den Deutschen Hörfilmpreis für den Film „45 Years“ erhielten, war es gelungen, die Handlung für blinde und sehbehinderte Besucher des Musicals lebendig zu machen. Dieses Publikum konnte, mit der Beschreibung an den passenden Stellen, in das Geschehen auf der Bühne wunderbar eintauchen. Orchester, Band und Stimmen bekamen genau den richtigen Raum um sich bestens entfalten zu können, denn der Live-Text von Karola Schweinbeck, die Musik und der Gesang der Akteure auf der Bühne gingen an diesem sommerlichen Abend ein harmonisches Zusammenspiel ein. Schweinbecks Stimme passte sich gekonnt dem mehr oder weniger dramatischen Geschehen auf der Bühne an. Dazu gehörte auch der Mut, manchmal nur minimal Worte einzusetzen.

 

Claudia Böhme ist eine Historikerin mit starker Sehbehinderung. Es ist ihr ein Anliegen, Menschen mit Beeinträchtigungen beim Sehen für kulturelle Angebote zu gewinnen und zu begeistern. Sie studierte fachdidaktische Vermittlungswissenschaften in Geschichte, Literatur und Kunstpädagogik, mit Schwerpunkt der Vermittlung in Museen und Ausstellungen.

 

Vor der Aufführung, bevor sich die blinden und sehbehinderten Besucher des Musicals auf die Metallstühle in der alten Augsburger Wallanlange beim Roten Tor setzten, konnten sie noch mit der Einführung von Sophie Walz, leitende Dramaturgin für Musiktheater und Ballett am Staatstheater Augsburg, sehr einfühlsam und kompetent an einem Modell des Bühnenbildes das Aussehen der Bühne ertasten. Ebenso konnten sie die verschiedenen Stoffe der Akteurskostüme des Musicals befühlen. Da war auch der einfache Stoff, ein Gemisch aus Baumwolle und Viskose, für die Kleidung der Schauspieler, die blutverschmiert und verdreckt als Aussätzige den singenden Jesus auf der Bühne umzingeln und auf eine Wunderheilung hoffen. Dieser spezielle Stoff macht es möglich, dass diese verfärbten Kostüme schnell gewaschen, getrocknet und am nächsten Tag schon wieder benutzt werden können.

 

Es war für die blinden und sehbehinderten Menschen im Publikum mit dieser Sprech- und Hörtechnik ein sehr gelungener Abend. Die Audiodeskription bei „Jesus Christ Superstar“ wird gefördert von den Theaterfreunden Augsburg und der Herbert-Funke-Stiftung. Organisiert und unterstützt wurde sie vonseiten des Staatstheater Augsburg nicht nur von Sophie Walz, sondern auch durch David Ortmann, fester Hausregisseur am Staatstheater Augsburg und Mitglied der Schauspielleitung.

 

Erwin Pelz, ein kulturinteressierter Blinder aus Augsburg, äußerte sich begeistert über die Audiodeskription: „Ich war durch die hervorragende Erzählweise der Sprecherin sehr beeindruckt und bin somit bestens mitgekommen. Ich konnte mir alles was vor mir passierte sehr gut vorstellen, besonders durch die Einführung mit dem Holzmodell des Bühnenbilds, die Säulen, die Treppen, das große Tor. Es war so toll, dass ich wusste, wo die Beteiligten auf der Bühne agierten und wie sich die Gruppen bewegt haben. Ich finde diese Aktion sehr geglückt. Vor allem durch die deutschen Texte im Musical konnte ich die Handlung hervorragend mitverfolgen. Und wenn es wieder eine solche Audiodeskription gibt, bin ich gern dabei.“


Durch den Artikel 30 Absatz 1 der UN-Behindertenrechtskonvention anerkennen die Vertragsstaaten das Recht von Menschen mit Behinderungen, gleichberechtigt mit anderen am kulturellen Leben teilzuhaben. Diese Regelung wiederholt und bekräftigt die Regelungen aus Artikel 15 des UN-Sozialpakts und Artikel 27 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte.

 

 

 

„Wichtig ist immer, dass der Zuhörer schnell einen Eindruck davon bekommt, was auf der Bühne passiert.“

 

Interview von Lina Mann mit Claudia Böhme

 

Frage: Frau Böhme, was ist eigentlich eine Audiodeskription?

 

Claudia Böhme: Eine Audiodeskription beschreibt blinden und sehbehinderten Menschen die Dinge, die sie zum Beispiel im Film nicht sehen: Wer wo hin geht oder wer wen anschaut oder mit wem zusammen singt. In anderen Zusammenhängen werden aber auch Kunstwerke, Gemälde, Landschaften oder Gärten mit ihrer Bepflanzung beschrieben oder eben auch Theaterstücke, Opern oder Musicals.

 

Frage: Wie kam es zu der Audiodeskription bei Jesus Christ Superstar in Augsburg 2019?

 

Claudia Böhme: Der Anstoß kam vom Bayerischen Blinden- und Sehbehindertenbund in Augsburg und traf sich optimal mit meinem Interesse an einem solchen Projekt. Ich hatte bis dahin schon einiges recherchiert und einige Stücke in Münchener Theatern gesehen. Anfangs, das war 2015, wollte sich das Augsburger Theater auf so etwas nicht einlassen. Im Zuge der bevorstehenden Sanierung des Großen Hauses wäre das langfristig nicht möglich, wurde mir mitgeteilt. Mit dem Wechsel in der Theaterleitung 2017 habe ich es dann noch einmal probiert. Die neue Mannschaft am Theater war sehr offen für ein Audiodeskriptions-Projekt. Ich musste nicht einmal erklären, was das ist. Trotzdem hat es noch zwei weitere Jahre gedauert, bis wir nun unsere erste Audiodeskription umsetzen konnten.

 

Frage: Wie kann man sich die Vorbereitung und Entstehung vorstellen?

 

Claudia Böhme: Vorbereitend war ich mit Karola Schweinbeck in zwei Proben und zwei Aufführungen des Musicals. Dann haben wir einen Video-Mitschnitt der Premiere bekommen, der sowieso gemacht wird, und dann war es ähnlich wie beim Filmbeschreiben. Nur, dass wir hier keine Lücken zum Beschreiben haben, sondern in die Musik hineingehen, um kurz und knapp unsere Zuhörer darüber zu informieren, wie sich die Sänger und Sängerinnen oder das Ballett bewegen.

 

Frage: Frau Böhme, sie und Karola Schweinbeck sind ein eingespieltes Team, oder? Wie kann man sich die Zusammenarbeit bei dieser Audiodeskription vorstellen?

 

Claudia Böhme: Karola sagt mir alles, was sie sieht und wir entscheiden dann, was von dem Gesehenen wichtig ist und gesagt werden muss. Dann verfertige ich mein Skript, das Karola in der Hand hält, wenn sie es bei der Audiodeskription über das Geschehen auf der Bühne zeitnah und einfühlsam vorliest. Manchmal habe ich auch schon eine ungefähre Vorstellung davon, wie das Skript werden soll. Wichtig ist immer, dass der Zuhörer schnell einen Eindruck davon bekommt, was auf der Bühne passiert.

 

Frage: Wie hat Ihnen das Stück gefallen, gerade die Inszenierung mit den deutschen Texten?

 

Claudia Böhme: Als ich gehört habe, dass es Jesus Christ Superstar in diesem Sommer auf der Freilichtbühne geben würde, wollte ich das unbedingt machen. Ich hatte die Inszenierung 2007 in Augsburg mit englischen Texten schon gesehen. Mir waren die Kompositionen nicht aus dem Kopf gegangen. Das Deutsch jetzt hat mich anfangs irritiert. Nach mehrmaligem Hören habe ich mich daran gewöhnt. Die Übersetzung liegt meiner Wahrnehmung nach ja sehr nah am englischen Original.

 

Frage: Welche Szene fanden Sie durch die Beschreibung besonders beeindruckend für blinde und sehbehinderte Menschen?

 

Claudia Böhme: Mir war grundsätzlich vieles ohne die Beschreibung nicht klar. Wie viel sich die Darsteller auf der Bühne bewegen, hätte ich nicht gedacht. Auch, dass es so viele Ebenen und Orte auf der Bühne gibt, würde mir als stark Sehbehinderte ohne eine Beschreibung entgehen. Faszinierend finde ich den Schluss der Aufführung, an dem das Kreuz aufgerichtet wird und seine Farbigkeit ändert, bis es schließlich ganz dunkel auf der Bühne wird. Hier gibt es dann nur noch Musik.

 

Frage: Welches ist ihr Lieblingslied von Jesus Christ Superstar?

 

Claudia Böhme: Ich habe ständig irgendein Stück davon im Ohr.

 

Frage: Wie war die Zusammenarbeit mit dem Staatstheater Augsburg?

 

Claudia Böhme: Sehr professionell und unkompliziert.